Deutsche Veränderungsbeharrlichkeit

Veränderung & Zukunft

Was mich aufregt

Ich wäre nicht in Deutschland aufgewachsen, wenn ich mich nicht auch gut aufregen könnte. Und momentan gibt doch Einiges, was mich aufregt. Natürlich das Wetter, immer auch die Normalisierung der Unhöflichkeit, doch vor allem unsere deutsche Veränderungsbeharrlichkeit. Natürlich war es in Deutschland noch nie einfach neue Ideen schnell mal eben so zu implementieren. Wenn ich an die großen Produktionen denke, die ich im Medienbereich in den letzten Jahrzenten begleiten und entwickeln konnte, dann war „Innovation“ schon immer ein permanentes Durchhalten und Überzeugen. Aber – und das ist vielleicht der Unterschied zu heute – selbst solch große Innovationsrückzugszentren wie deutsche Fernsehsender wollten immer etwas Neues. Sie taten sich nur mit Ideen schwer, die sie noch nicht kannten. Im Moment – so mein Eindruck – wird Veränderung, nichts anderes ist Innovation, einer sogenannten „Start-up Szene“ zu gesprochen und alle anderen wollen ihre Ruhe.

Veränderungsgrundstimmung

Ist das wirklich so? Sind wir wirklich zukunftsfaul? Um die deutsche Grundstimmung zu beschreiben, hilft es oft sich Entwicklungen und Stimmungen in der deutschen Parteienlandschaft und im deutschen Fußball zubetrachten. Zumindest hat es mir immer geholfen.

Status-Quo des deutschen Fußballs

Starten wir mit dem Fußball. Ist die Bundesliga modern? Bayern ist der klassische Verbrennungsmotor. Irgendwie luxuriös, aber nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik. Aber ich habe das Gefühl, dass die Bayern verstanden haben, dass sie sich ändern müssen. Leider wollen sie sich jedoch noch nicht von ihren bekannten Entscheidungsmustern verabschieden. Sie wollen der Premiere League und Barca / Real Paroli bieten, ohne ähnlich viel Geld auszugeben. Vielleicht warten die Bayern auch ganz clever auf den Brexit und dem Zusammenbruch der Premiere League. Ich befürchte nur, dass das einzige, was in England Bestand haben wird, die Premiere League sein wird.

Dortmund hat die Chance erkannt an die Bayern ranzukommen. Aber ohne Großinvestor besteht die Gefahr bei Erfolgslosigkeit wieder in finanzielle Schieflage zugeraten. Doch immerhin trauen sie sich was. Hoffnung!

Dann wäre da noch Frankfurt. Frankfurt ist wie der Bankenstandort Frankfurt: wird stärker, spielt aber noch nicht in der obersten Liga. (Beides hat jedoch Potential). Und dann gibt es ja auch noch RB Leipzig und Hoffenheim. Aber wer kann die außer mir leiden? Da gehen mal zwei Mannschaften enorm professionell an die Arbeit und werden von der großen Mehrheit der Fußball-Fans abgelehnt, weil sie „finanziert“ werden.“ Nichts gegen Tradition, aber guter Fußball, der professionell organisiert wird, ist mir mindestens genauso lieb. Und davon abgesehen sind mit Red Bull und SAP erheblich sympathischer als viele der russischen und arabischen Oligarchen.

Dann die Nationalmannschaft (Männer). Ok, es hat jetzt doch 2-3 Jahre gedauert bis der Fußballgott ein Einsehen hatte und Herrn Löw mitgeteilt hat, dass man in Deutschland immer mal wieder den Stil ändern sollte. Und zum Glück brachten die letzen Spiele ein paar wirklich schöne Ansätze zu Tage. Jetzt braucht Herr Löw nur noch einen anderen Haarschnitt. (oder Stefan Kuntz) Und in dem Zusammenhang fände ich es schon cool, wenn die Frauen zumindest bei der WM die dieselben finanziellen Gagen bekämen wie die Männer.

Zusammengefasst: Potential sehe ich, aber noch denken wir nicht modern und mutig genug.

Zustand der deutschen Parteien

Kommen wir zu den deutschen Parteien. Da sehe ich mehr Veränderungsbeharrlichkeit als Start-up-Geist. Welche deutsche Partei schaut wirklich nach vorne? Welche Partei hat eine Vision für die Zukunft? CSU und AfD versuchen sich gegenseitig im Rückwärtsgehen zu überbieten. Die CDU will gehaltvoll lenken und überlegt wie man Angela Merkel ersetzen kann, ohne dass es jemand merkt. Anscheinend haben sie bei der Suche nach einer erfolgsversprechenden Nachfolgerin die Digitalisierung der Medien verpasst. D.h. die CDU sucht weniger nach Technologie- und Wachstumsprogrammen als nach einem erfolgreichen Youtube-Kanal.

Was will die SPD? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Soziale Gerechtigkeit ist doch ein solch großes Thema. Gerade in einer Welt, die durch die Digitalisierung immer individueller und in immer kleinere Tranchen aufgeteilt wird, braucht man Vordenker, die sich mit den Themen des Postkapitalismus, wie neuen Arbeitsverteilungssystemen oder einem Grundeinkommen auseinandersetzen. Aber die SPD lebt nur noch in der Vergangenheit und sieht immer noch Arbeiter und Arbeiterinnen, wo sich immer weniger so fühlen oder schon in Rente gegangen sind. 30 Milliarden mehr will die SPD für die Rentenabsicherung ausgeben und 2 Milliarden bei der Bildung sparen – das ist mal ein Ansatz! Die SPD sollte sich ganz schnell ganz neu definieren oder sie wird in 5 Jahren nur noch in einem Atemzug mit Bismarck genannt.

Die Linke möchte ebenfalls nur eine Zukunft, die man mit altbekannten Ansätzen regulieren kann. Individualismus, eine Begleiterscheinung der digitalen Revolution, ist aber nur schwer mit Regulation und Klassengedanken vereinbar.

Bleiben noch Grüne und FDP. Die FDP hat die Chance, der Veränderungsmotor einer bis dahin unbekannten und hybriden Koalitionsformation zu sein, sowas von selbstverliebt und verantwortungslos versemmelt und zeigt auch keinen Anlass zur Besserung. Und die Grünen haben das Problem, dass sie an ihrem eigenen Erfolg knappern. Ihnen ist sicherlich zu verdanken, dass in Deutschland ein ökologische Grundverständnis eingezogen ist, aber es ist nicht leicht jedes Problem unter ökologischen Gesichtspunkten zu betrachten und zu verhandeln.

Zusammengefasst: 3 Parteien reden zumindest von Vision: AfD, FDP und Grüne. Doch die Vision, der erst genannten Partei hat sehr wenig mit Zukunft zu tun, die FDP vergisst ihre Visionen dauernd und die Grünen predigen mir immer noch mit etwas zu viel erhobenen deutschen Zeigefinger.

Gibt es Hoffnung?

Natürlich gibt es Hoffnung. Natürlich, sonst würde ich keine Beiträge schreiben, sondern mich mit dem Auswandern beschäftigen. In den unterschiedlichsten Gesprächsumfeldern höre ich immer ähnliche Fragen und Gedanken: „Warum sind wir kein Vorreiter in den Bereichen Verkehr, Mobilität und Umwelt? Warum fördern wir nicht Bildung und Innovation? Wie sollen wir denn langfristig erfolgreich bleiben, wenn so ein kleines Land nicht absolut innovativ ist?

Ich glaube die Saat ist doch schon längst gelegt. Den meisten Menschen ist klar, dass Deutschland nur eine Chance hat, wenn wir uns auf die Themen „Technologie, Umwelt, Innovation und Bildung“ konzentrieren. Nur will keiner damit anfangen, weil wir etwas müde sind und immer älter werden. Aber das darf kein Argument sein. Es spielt keine Rolle wie alt oder erfahren wir sind oder was wir alles in der Vergangenheit geleistet haben. Es zählt leider nur, was wir bereit sind in Zukunft zu leisten.

Zukunftsoptimismus

Wir brauchen wieder so etwas wie Zukunftsoptimismus. Und so etwas ist nicht allein die Aufgabe von Sendern, Unternehmen, des DFBs oder der Parteien (aber eben auch). Das ist die Aufgabe aller, die irgendwo mit anderen Menschen agieren.

Und wir müssen Innovation nicht nur WOLLEN, wir sollten, egal wie alt wir auch sind, die Zukunft als Chance und nicht als Gegner verstehen. Tatsächlich ist vieles im Leben eine Frage der Einstellung und mit der Einstellung ist es wie mit der Motivation Sport zu treiben, wenn wir warten bis wir fit und motiviert sind, werden wir nie loslaufen. Spaß und Motivation kommt MIT dem Loslaufen. Wollen wir wirklich Veränderung? Das sollten wir auch Veränderung wagen. Es sind immer die Anfänge, die schwer sind. Doch wir sind rationale Menschen mit der Freiheit Entscheidungen treffen zu können. Wir sollten es manchmal auch tun…