|
Süddeutsche Zeitung [14.12.02]
Sonntag Null Uhr, WDR:
Standup Comedy in NightWash
Die Stimme der Gerichtsmedizinerin zittert, während sie ihre gummigeschützten
Hände über einen leblosen Körper gleiten lässt: "Zur
Untersuchung steht eine Leiche, eindeutig weiblichen Geschlechts. Alter aufgrund
des fehlenden Kopfes nicht leicht feststellbar. Keine Anzeichen von Fäulnis.
Der Kopf der Leiche wurde unterhalb des Kehlkopfes abgetrennt. Sämtliche
inneren Organe sind entfernt. Ich möchte an dieser Stelle einen Sexualmord
nicht ausschließen."
Es klingt ziemlich bitter, was Dr. Kling da von sich gibt. Trotzdem sitzen
ihr gegenüber rund 180 Menschen, die sich vor Lachen die Bäuche halten
und mit jedem ernsten Satz der Medizinerin fröhlicher werden. Der Frohsinn
der Menge ist keineswegs Ausdruck mangelnder Pietät, vielmehr gründet
er in dem Objekt der pathologischen Betrachtung. Schließlich handelt es
sich bei der Leiche um ein handelsübliches Grillhähnchen, dass die Kabarettistin
Sonja Kling mit wunderbarer Buster-Keaton-Mimik seziert.
Nicht im kalten Keller der Pathologie, sondern einem Kölner Waschsalon.
Trotz des rabenschwarzen Themas bleibt Klings Geflügel-Obduktion eine saubere
Angelegenheit, einer von vier humoristischen Waschgängen beim NightWash.
Den veranstaltet der Kölner Moderator Klaus-Jürgen Deuser seit über
einem Jahr zweimal pro Monat und kann sich vor dem Publikumsansturm kaum retten.
Kein Wunder denn der Eintritt ist frei, die Stimmung szenig vorgespült, und
seit sich herumgesprochen hat, dass unter Deusers Nachtwäsche selten Schlüpfriges
sondern oft viel Talent steckt, kennt die Nachfrage kaum Grenzen.
Ab morgen könnte das noch ein wenig schlimmer werden, denn nun wird jede
Woche das Beste der NightWash-Shows im Nachschlag zur WDR-Sendung
Zimmer frei serviert. Das kostet den Sender erstaunlich wenig. Über Summen
wird zwar nicht gesprochen, aber Klaus-Jürgen Deuser umreißt die Dimensionen:
"Für das Geld produzieren andere einen Piloten." Es funktioniert,
weil die Nachwuchskomödianten ohne Gage auftreten. Nur die, die es bis in
die Fernsehversion schaffen werden honoriert. Statt Geld wird Freiheit geboten.
"Ich sage denen: Das ist eure Bühne, macht sieben oder acht Minuten
was Ihr wollt", umreißt Deuser das Konzept. Meist findet er Standup
Comedians, deren Aufgabe er erquickend simpel umschreibt: "Ein Mann, ein
Mikro und dann regt der sich auf." Als Garderobe dient eine Abstellkammer
und wer als Künstler auf die 80 Zentimeter tiefe Bühne will, muss sich
erst durchs Publikum zwängen und dann ins Schaufenster des Waschsalons steigen.
Ein Erfolg dürfte die Waschkammer-Comedy auf jeden Fall werden, schließlich
sind die mageren 40000 Zuschauer, die am vergangenen Sonntag eine Sportsendung
um Mitternacht erreichte, kaum noch zu unterbieten.
|