Klaus-Jürgen Deuser
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NZZ [CH-Zürich, 10.01.06]
„Knacki“ Deuser - Hüter des Humors

Das Kult-Comedy-Trainingslager NightWash expandiert nach Winterthur

Er ist die Urzelle deutscher Comedy - und heute ihr größter Kritiker. Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser hat 2000 in Köln die heutige Kultsendung NightWash erfunden, eine Plattform für den Nachwuchs, ein Crashtest mit Publikum. NightWash schleudert mittlerweile auch auswärts, am Samstag erstmals in der Schweiz, im Casinotheater.

Humoristen sind eine bedrohte Spezies. Und seit sie das deutschsprachige Fernsehen als Gegenstand seiner Verwertung entdeckt hat - und unter dem Label Stand-up-Comedy billig verheizt - ist ihr Überleben ohne Rückzugsmöglichkeit, ohne Reservate, ohne Trainingscamp in Gefahr. Nicht ihr Sein vielleicht, aber ihre Qualität. Denn welcher Sender wird Geld in die Entwicklung junger Comedy-Talente investieren, wenn heute bereits das Vorsingen untalentierter Leute als  sendefähig gilt? Als 2003 die Köln-Comedy-Schule schließen musste (da sich die Sponsoren Endemol und RTL zurückzogen) - sieben Jahre lang immerhin ein Garant für ein gewisses Comme-il-faut des komischen Nachwuchses auf der Bühne -, da schien die Verflachung des Humors auf unseren Flachbildschirmen nicht mehr aufzuhalten zu sein.

Pioniere der Comedy

Als Erster erkannt hat das Klaus-Jürgen Deuser (40), ausgebildeter Betriebswirt, Profi-Läufer (1500 Meter in 3:46) und Comedian der ersten Stunde (1984). Noch in der Schule gründete er das Trio „Die Niegelungen», inspiriert von den Marx Brothers und der europäischen Fools-Bewegung um Jango Edwards. „Die Niegelungen“ wollten vor allem Spaß und Anarchie, quer zum Zeitgeist also, der in den achtziger Jahren jenen Kabarettisten Rückenwind zuhielt, die sich mit der Nachrüstung, der Emanzipation oder der Volkszählung befassten. Klaus-Jürgen Deuser, Wolfgang Lüchtrath und Ralf Günther waren Pioniere der deutschen Comedy, ein Genre, das zu jener Zeit auf dem europäischen Festland noch gar nicht existierte.

Zehn Jahre lang spielte man bei den Germanen und brachte ihnen den höheren Blödsinn bei - allein in Berlin gastierte das Trio jeweils sommers während sechs Wochen in der Ufa-Fabrik mit täglichen Vorstellungen. Doch irgendwann und irgendwo, vielleicht zwischen Krefeld und Elmsbüttel, kam Deuser zum Schluss, dass der deutschen Comedy allmählich der Nachwuchs ausgehe. Und dass die Fernsehsender dazu neigten, auf der Suche nach neuen Gesichtern immer bizarrere Forderungen zu stellen: „Am besten ist der Neue eine Frau, 25 Jahre alt, besitzt eine 14-jährige Spielerfahrung und kann Hallen füllen. Und dabei soll sie, bitte schön, noch bei keinem großen Sender zu sehen gewesen sein!“

Doch Stand-up-Comedy ist nach Deuser auch ein Mittel gegen den Jugendwahn, denn ein guter Comedian braucht Lebenserfahrung - und Training. Um solches zur Verfügung zu stellen, erfand er 2000 NightWash. In einem real existierenden Kölner Waschsalon stellen sich Mutige vor ein Publikum (das gerne auch mit Wäschewaschen beschäftigt sein darf) und haben vier bis sechs Minuten Zeit, es für sich zu gewinnen. Der Abend avancierte vom Geheimtipp schnell zum Top-Thema Kölns. eine Hymne im „Spiegel“ befeuerte den Erfolg. Deusers heimlicher Wunsch, einmal eine Sendung im Fernsehen zu bekommen, hat sich lautstark erfüllt, und mehr noch: 2001 übernahm der WDR die Abende, seit Herbst 2003 werden sie in der ARD ausgestrahlt.

Ein Veredlungsbetrieb

NightWash, das heute auch in einer Studio-Kulisse funktionieren würde, so begierig sind die Zuschauer, dabei zu sein, hat, einiges angestoßen. Es hat die Comedy wieder zum Live-Erlebnis gemacht - heute wird in Deutschland in Frisiersalons oder Bars gespielt -, und es hat dem Fernsehen die Deutungshoheit über den Humor abgesprochen. Wer bei Deuser darf, ist sicher, dass er die optimalen Auftrittsbedingungen und einen hochprofessionellen Moderator (Deuser) zur Seite an. NightWash ist kein Maststall des Humors, sondern ein Veredelungsbetrieb.

Dass Deuser in diesem Sinn an Frischluftzufuhr von außen interessiert ist, konnte Paul Burkhalter nicht wissen, als er ihn ansprach und einlud, die Tournee-Fassung von NightWash als Schweizer Premiere in Winterthur zu zeigen. Der Abend am 14. Januar soll der Höhepunkt von Burkhalters neuem Projekt „Frischlingsparade“ sein, Denn ebenso wie Deuser vertritt der Direktor des Casinotheaters die Meinung, für die Nachwuchsförderung seiner Künstler mitverantwortlich zu sein. An der „Frischlingsparade“ treten zum Teil für die Schweiz unbekannte Namen auf, die in Deutschland längst in Hallen mit 1500 (besetzten) Plätzen spielen, „Lalelu“, das A-cappella-Quartett (11. 1.) ist nur ein Beispiel von vielen.

Deuser übrigens wird es bei seiner Premiere in Winterthur nicht belassen. Seinen zweiten Schweizer Schleudergang in Sachen Humor bietet NightWash Ende April in Luzern an, am 46. internationalen Festival Rose d'Or. (M.D.)

Winterthur, Casinotheater: „Frischlingsparade“ - vom 10. bis zum 15. Januar, jeweils 20 Uhr.

NightWash  am 14. Januar. NightWash - die Comedy-Schleuder Als Bühne die Fensterbank eines Kölner Waschsalons, eine Handvoll namenloser Kampfplauderer zwischen Wäschekorb, Waschmittel und 30 schlaflosen Gästen. So startete in einer Juninacht 2000, ohne Werbung, ohne Kamera, KJ „Knacki“ Deusers Erfindung, ein Trainingscamp für Comedians. Über 100 Schleudergänge später zählt NightWash zu den erfolgreichsten (und billigsten) TV-Formaten Deutschlands und wird seit Ende Oktober 2003 um Mitternacht regelmäßig auf ARD ausgestrahlt. Einschaltquote: bis zu 500 000 Zuschauer.

Die NightWash Künstler

Horst Fryguth, Deutschlands ältester Nachwuchs-Comedian, der Mann mit den 1000 Zetteln. Deuser: „Er ist das schlappe Talent, das Opfer seiner alternativ-ökologischen Jugend.“

Ramona Schukraft. Comedycriminal, Darstellerin und Autorin. Hoffnungsvolle Antithese zum Frauendefizit in der Comedy. Deuser: „Sie gehört zu den neuen Gesichten.“

Sebastian Krämer. Grenzgänger zwischen neuem deutschem Chanson und Poetry, deutscher Doppel-Slam-Champion (2001, 2003). Deuser: „Er ist ein spürbares Berliner Gewächs.“ Krämer über Krämer: „Wie die Stones, nur eben mit Musik.“

Sascha Korf. Ostwestfale, Mitglied der Kölner Impro-Gruppe „Frizzles“, bekannt als Tina Turner oder Annette Küppersbuch. Deuser: „Live kann er sich ausleben.“